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Assassins Creed Valhalla - Wikingerfest oder gescheiterter Feldzug?

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19.11.2020 - Mit "Valhalla" geht Ubisofts Assassins Creed-Reihe in die mittlerweile zwölfte Runde. Doch was hat das Wikingerabenteuer inhaltlich auf dem Kasten? Unser Artikel liefert Antworten.

Was anno 2007 als ambitioniertes Projekt begann, steht mittlerweile im Verruf, zur seelenlosen Gelddruckmaschine verkommen zu sein: Die „Assassin’s Creed“-Serie hat sich in jüngster Vergangenheit wahrlich nicht nur Freunde gemacht. Um dem negativen Trend entgegenzuwirken, entschied sich Ubisoft im Rahmen von „Origins“ und „Odyssey“ dazu, dem Assassinen-Gemetzel eine spielerische Neuausrichtung zu spendieren, die jedoch nicht jedes Fan-Herz erobern konnte. Um jene Spieler wieder abzuholen, die von den Loot-Orgien und den störenden Level-Barrieren der beiden Vorläufer zurückschreckten, möchte „Valhalla“ jene neuartigen Elemente der jüngsten Auskopplungen mit den altehrwürdigen Tugenden der Ezio- und Altair-Ableger kombinieren – doch gelingt dem Titel dieses Unterfangen?

Die Story – von Verlust, Machtgier und Banalitäten

Bevor wir uns an die Aufgabe machen, unsere norwegische Heimat und die britische Insel in bester Wikingermanier zu durchforsten, zu plündern und zu erkunden, stehen wir zunächst einmal vor einer grundlegenden Entscheidung. Wir erhalten die Möglichkeit, wahlweise in die Haut eines männlichen oder weiblichen Charakters zu schlüpfen – „Odyssee“ lässt grüßen. Haben wir die Figur namens Eivor erst einmal auf ihre digitale Reise geschickt, werden wir Zeuge, wie unsere Altvorderen brutal ums Leben kommen. Alteingesessene Serienfans werden angesichts dieser Ausgangslage jedoch gelangweilt mit den Schultern zucken, immerhin ist es bereits das vierte Mal, dass ein Assassin’s Creed-Protagonist wegen seiner ermordeten Eltern rachsüchtig ins Feld zieht. Was noch verheerender ist: Der Tod unserer Eltern spielt im Fortlauf der Story praktisch keine Rolle mehr. Demnach sagen wir dem frühmittelalterlichen England nicht etwa den Kampf an, um den Schmerz unseres Verlustes zu tilgen, sondern weil wir uns den Eroberungsplänen unseres machtbesessenen Bruders Sigurd fügen. So weit, so banal.

Zwischen Eroberung und Kaffeeklatsch

Anschließend gilt es, unsere eigene Siedlung zu errichten und eine englische Region nach der anderen zu besuchen, wo wir Bündnisse schließen. Die Geschichten, welche die verschiedenen Gebiete dabei für uns bereithalten, zeigen sich qualitativ schwankend. Mal haben wir die Aufgabe, den regierenden König vom Thron zu stoßen, ein anderes Mal sollen wir nervige Pikten vertreiben. Leider fehlt es den Akteuren, denen wir auf unserer Reise begegnen oftmals an charakterlichem nicht Tiefgang, und auch Eivor selbst präsentiert sich verhältnismäßig blass. Nichtsdestotrotz halten einige Missionen packende emotionale Highlights bereit, beispielsweise dann, wenn das Schicksal unseres besten Freundes in unseren Händen liegt, oder wir schwerwiegende Verluste zu verkraften haben. Unglücklicherweise werden die gestellten Aufgaben vergleichsweise selten von einem solch fesselnden Story-Rahmen ummantelt, meistens reicht das bitterböse Wesen des jeweiligen Schurken aus, um uns einen soliden Grund zum ausgiebigen Brandschatzen zu liefern. Was einigen Spielern zudem nervig aufstoßen könnte: auf dem Weg zu den eigentlichen Missionszielen haben wir immer wieder langatmige Gespräche mit unseren NPC-Begleitern zu erdulden. Eine fragwürdige Storytelling-Entscheidung, die mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack trifft.

Assassinen & Templer

Angesichts dieser Kritik könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Geschichte von „Valhalla“ einem spielerischen Fiasko gleicht. Dies ist jedoch ausdrücklich nicht der Fall! Wenn wir uns in den englischen Städten Winchester, London und York herumtreiben und inmitten der Fehde zwischen Assassinen und Templern geraten, nimmt die Story spürbar an Fahrt auf. Wieso der erbitterten Feindschaft zwischen geheimen Meuchelmördern und konservativen Ordensbrüdern in einem „Assassin’s Creed“-Teil wieder einmal eine vergleichsweise kleine Rolle zukommt, bleibt jedoch ein Rätsel.

Eine Open-World zum Niederknien

Eine der größten Stärken von „Valhalla“ liegt ohne jeden Zweifel in seiner prächtig ausgearbeiteten Open-World. Die einzelnen Areale sind gleichermaßen detailliert wie beeindruckend designt und locken überdies mit zahlreichen versteckten Items, die es innerhalb kniffliger Schatzsuchen zu finden gilt. Während wir in klaren Nächten durch die Anhöhen der Landschaft reiten und auf die strahlende Kathedrale von Winchester blicken, ist dies schlicht und ergreifend beeindruckend. Jede Region verfügt dabei über eine eigene Kultur, die sich spürbar vom alltäglichen Leben anderer Gebiete unterscheidet.

Bezüglich des Gameplays orientiert sich „Valhalla“ stark am gelungenen Kampfsystem von „Origins“ und „Odyssey“. Ein großer Pluspunkt: Stealth-Angriffe sind endlich wieder tödlich! Die Kämpfe präsentieren sich allgemein fair und variantenreich, ob ihr eure Feinde lieber mit dem dicken Zweihänder oder dem Bogen zur Strecke bringt, ist euch freigestellt.

Zeitvertreib am Würfeltisch

Abseits der Hauptquest bietet euch „Valhalla“ eine Reihe verschiedener Open-World-Aktivitäten. Neben den optionalen Bosskämpfen sei hier besonders das gelungene Würfelspiel lobend erwähnt. In dem gelungenen Minispiel können wir uns genau so gut verlieren, wie beispielsweise in jenen Games, die wir sonst nur auf Seiten wie Mr. Green finden.

Ist „Valhalla“ unterm Strich das beste „Assassin’s Creed“-Spiel der aller Zeiten? Keineswegs. Werden Fans der Serie mit dem neuesten Ableger trotzdem ihren Spaß haben? Ja! Wer dem Titel seine langatmigen Passagen verzeiht und auch über einige technische Probleme hinwegsehen kann, erhält mit „Valhalla“ einen souveränen Vertreter der Serie, der vielleicht sogar die schönste Open-World im gesamten „Assassin’s Creed“-Franchise zu bieten hat.

  • Quelle: Redaktion